Mittwoch,
16. Mai 2012
19.30 Uhr

Gelassenheit. Das Leben zwischen dem Verfügbaren und dem Unverfügbaren

Vortrag und Gespräch

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xqm

Christian Kaufmann

Einführungsrede von Christian Kaufmann zur Eröffnung von xqm am 13.4.2011

„Wem gehört der Raum zwischen den Häusern?“ Eine poetische Frage. Wer hat´s erfunden, würden die Schweizer jetzt fragen. Tja, liebe Schweizer, diesmal nicht Fischli-Weiss, sondern das Künstlerduo Heiner Blum und Jakob Sturm in ihrem Projekt xqm, als eine echte Frankfurter/Offenbacher Produktion und damit herzlich willkommen, meine Damen und Herren.

Wem gehört der öffentliche Raum, auch das eine Frage, die das Projekt berührt. Und das ist dann nicht nur eine poetische, sondern auch eine politische Frage. Die temporären Räume von xqm werden in den nächsten Wochen und Monaten den öffentlichen Raum besetzen und an zahlreichen Orten in der Innenstadt werden solche Räume wie dieser Prototyp hier entstehen, die dann mit guten Ideen gefüllt werden können und wollen. Das Projekt ist ja, was uns sehr freut, Teil des Architektursommers, bei dem das Thema Wohnen im Vordergrund steht. Nun, bei uns bzw. xqm wird in den nächsten Wochen, da bin ich sicher, im öffentlichen Raum gewohnt, was das Zeug hält.
Es sind dies Orte an der Schirn, im Durchgang unter unserem Gebäude, auch da ist am heutigen Abend schon mal ein Raum aufgebaut, in der B-Ebene Eschenheimer Tor, aber beispielsweise auch in den ehemaligen Wallanlagen. (Sie sehen die vorgesehenen Orte dort an den Wänden des Ausstellungsraumes.)

Am Anfang des Projektes stand die Erkenntnis, dass es in der Stadt viele Orte gibt, die als architektonische Resträume fungieren: Arkadengänge, Eingangsbereiche, B-Ebenen, Pavillons usw.. Ungenutzte Möglichkeiten bislang, alles eher Un-Orte. Orte aber, wo bereits ein Dach vorhanden ist und es nur noch Wände braucht, um eine Behausung herzustellen. Dieses Dach kann beispielsweise auch ein Blätterdach sein, etwa die Krone der Platanen auf der Zeil und dann verweist diese Behausung auf die Urhütte des Menschen am Beginn der menschlichen Kultur.

Und schon an einer solchen Stelle wird deutlich, dass das Projekt, das auf den ersten Blick so locker flockig daherkommt und poppig wie dieser Raum jetzt hier, dass es aber in der Tat ganz wesentliche Fragen aufgreift, die unser Leben, auch unser soziales Zusammenleben, bestimmen.

Mit denkbar einfachen Mitteln, d.h. überwiegend aus Planen oder recycelten Alltagsmaterialien (Tütenstoffe etwa, Tarnnetze oder Wachstischdecken) bauen Blum, Sturm und ihr Team die Räume (nach den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer), die dann wie dieser hier, eine teilweise sehr transparente Erscheinung besitzen. Zunächst einmal sehr ungewohnt für uns, Wände, durch die man teilweise hindurchsehen und hindurchgehen kann als Wände zu akzeptieren, werden wir den Raum im Raum bald als einen spannenden Rückzugsraum entdecken.

Einige der Räume und der Materialien, aus denen die Räume gebaut werden, erinnern mich an die temporären Räume obdachloser Menschen, jenen fliegenden Bauten aus Kartons oder Planen, die sich Abends und Nachts in Hauseingängen oder sonstigen geschützten Orten in der Stadt entfalten. Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, dass er Schutz sucht, dass er versucht, ein Territorium zu markieren, seinen Raum abzugrenzen. Neulich sah man in den Medien Bilder aus japanischen Notunterkünften, wo Menschen in großen Turnhallen sich kleine private Territorien gebaut haben: Wände aus einfachem Kartonmaterial, wie wir als Kinder früher uns Häuser aus Kartons gebaut haben, in diesem Fall jedoch ohne spielerischen Hintergrund.

Kindern übrigens reicht eine Grenzlinie mit Kreide auf dem Boden, um auf der Straße die schönsten Spiele zu generieren oder sich in Grundrisszeichnungen einzurichten.

xqm bringt diese kindliche Imagination und den Freiraum zurück in die Stadt und das finde ich großartig. Das ist das Privileg der Kunst und natürlich ist xqm auch und vor allem ein Kunstprojekt. Wiederum Kinder haben am Montag beim Probeaufbau des Raumes unten vor unserem Eingang den Raum als erste begeistert in Beschlag genommen und zwischen den Plastikbahnen verstecken gespielt. Wenn ein Unort wie der Durchgang unter unserem Haus zum Spielort mit Aufenthaltsqualität wir, dann ist das, glaube ich, ein gutes Zeichen für das Funktionieren der künstlerischen Idee.

Was ich als Kunsthistoriker natürlich auch großartig finde, ist, dass xqm auch endlich die Frage aufgreift, ob sich aus den vielen Kunstobjekten im öffentlichen Raum nicht auch noch etwas anderes machen ließe. Sol Lewitts Kuben vor der ehemaligen Zentrale der Dresdner Bank, heute DB, z.B. würden sich hervorragend eignen. Ob das allerdings die Erben des Künstlers genauso sehen, ist noch nicht ganz klar und wird noch verhandelt. Eine Genehmigung gibt es dagegen schon für die Nutzung der Arbeit von Eduardo Chillida in der Gallusanlage.

Kurz noch zur politischen Dimension von xqm, das eben auch ein soziokulturelles Projekt ist.
Die temporären Räume von xqm entstehen in einer stadträumlichen Umgebung, die zu den teuersten in Deutschland gehört. Nur wenige von uns könnten es sich leisten, in einer 1a Lage wie etwa an der Zeil Flächen und Räume anzumieten. Nun, bei diesem Projekt gibt es die Räume gratis. Es gilt, der zunehmenden Kommerzialisierung der Innenstadt etwas entgegenzusetzen und dies leistet das Projekt auf eine ganz wunderbare Weise.

Ich sehe in xqm zweierlei: Es ist ein Geschenk an die Stadt und es ist eine Einladung. Es lädt uns alle zur Partizipation an der Stadt ein und basiert selbst grundlegend auf den Regeln der Partizipation. Die Künstler fungieren als Dienstleister, die einen Freiraum schaffen für Ideen, die aus der Stadtgesellschaft kommen und für die Menschen der Stadt gedacht sind. Und realisiert werden kann das Projekt letztlich auch nur, weil es ein Team gibt, das im Sinne eines sozialen Miteinanders Zeit und Arbeit in eine gemeinsame Sache investiert.

Das Projekt zieht bereits jetzt Kreise: auf Facebook wird fleißig diskutiert und bei google finden sich bereits 824.000 Einträge, die aber vermutlich nicht alle unser Projekt hier betreffen.

Und. Es gibt bereits viele Vorstellungen, was in den Räumen passieren soll: so gibt es etwa die Idee, in einem Raum ein „Coaching to go“ einzurichen oder einen Ruhe- und Pausenraum. Der Freiraum als „Schreiraum“, auch eine Projektidee, als begrünte Fläche im Sinne eines „public gardening“ oder als „Grüne-Soße-Anbaugebiet, als Rückzugs- und Schlafgelegenheit für obdachlose Menschen möchte ein weiteres Projekt den Raum nutzen und eine Architektengruppe schließlich möchte ihre Vorstellungen eines interreligiösen Raumes dort präsentieren. Dies einige Beispiele, weitere Projektideen hängen dort an der Wand. Darunter übrigens auch Räume, die mit ganz anderen Materialien, als den vorgeschlagenen Wände bauen wollen, etwa aus Wassersprengern, oder auch Räume, die die Wand völlig in Frage stellen.

Wir hoffen natürlich in den kommenden Monaten auf viele weitere tolle Ideen, nicht nur aus dem Bereich der Kunst, sondern gerne auch aus anderen Bereichen, etwa dem sozialen. Ich würde mir wünschen, dass die Räume z.B. auch von Jugendgruppen oder Initiativen aus dem diakonischen Bereich bespielt werden.

Hier oben bei uns im Saal ist daher in den nächsten Wochen das Immobilienbüro eingerichtet, wo Sie sich mit Ihren Ideen für Räume bewerben können und sich bezüglich der Umsetzung beraten lassen können. In der Manufaktur werden dann die Räume nach Ihren Vorstellungen maßgeschneidert. Also: kommen Sie mit Ihren Ideen und überziehen Sie die Stadt mit Leben, dass es nur so sprüht.
Liebe Gäste, Kai Vöckler wird am Freitag in einem ersten Vortrag in unserer begleitenden Veranstaltungsreihe die zunehmende Verlagerung unserer öffentlichen Kommunikation in das Internet ansprechen. Der öffentliche Raum virtualisiert sich, das konnten wir alle in den letzten Monaten bei den großen gesellschaftlichen Umwälzungen im arabischen Raum verfolgen. Das kann aber nicht heißen, dass wir den realen öffentlichen Raum aufgeben und der kommerziellen Eventkultur überlassen dürfen. Was heißt Wohnen, wie wollen wir wohnen, wie soll soziales Zusammenleben in der Stadt aussehen, was fehlt uns an utopischen Räumen und wie imaginieren wir Freiräume und Zwischenräume in der Stadt, das alles sind Fragen, die dieses spielerisch anmutende Projekt anspricht. Ich bin auf die Antworten in den nächsten Monaten sehr gespannt und freue mich darauf.

Das Projekt xqm wird von vielen getragen und die sollen an dieser Stelle genannt werden. Zunächst einmal Dank an Jakob Sturm und Heiner Blum, die nun über Monate dieses Projekt vorangetrieben haben inklusiver der erforderlichen Genehmigungen, und die sind für Projekte im öffentlichen Raum in Frankfurt immens. Dann ein herzliches Dankeschön an das xqm-Team, das hier den Aufbau gemacht hat und in den kommenden Wochen sowohl die Räume in der Stadt realisieren wird, als eben auch hier das Immobilienbüro und die Manufaktur betreiben wird: Céline Scherer / David Bausch / Jennifer Gelardo / Gilda Weller / Janine Maschinsky / Johanne Schröder / Lena Ditlmann / Manuel Roßner / Ruben Fischer / Rushy Rush / Thekra Jaziri / Yacin Boudalfa

Wir bedanken uns bei unseren Kooperationspartnern: der Hochschule für Gestaltung Offenbach, dem Deutschen Werkbund Hessen und dem Frankfurter Architektursommer.

Für die finanzielle Unterstützung danken wir dem Förderverein Römer9 e.V., dem Kulturamt Frankfurt am Main, Berthold Druck Offenbach, Günter Ganzevoort, satis & fy, und der VGF Stadtwerke Verkehrsgesellschaft.
Und eine Medienpartnerschaft gibt es auch, und zwar mit dem Journal Frankfurt, auch das freut uns und auch dafür herzlichen Dank.

Christian Kaufmann, Evangelische Stadtakademie Römer9